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Archive der Erinnerung

Was Österreicher, Deutsche und Japaner unter anderem gemeinsam haben? Na zum Beispiel dass deren Verstrickung in die Eskalationen des Zweiten Weltkriegs nicht unbedingt ein Ruhmesblatt ihrer Geschichte darstellen. Im Umgang mit den Schattenseiten der Vergangenheit kann man sich als Österreicher nicht gerade als vorbildhaft bezeichnen. Sich der unschönen Vorgänge bewusst zu werden ist ein langwieriger, mitunter verstörender Prozess, der für die Psychohygiene einer Gesellschaft aber unerlässlich ist. Das historische Erbe gleicht keiner Andenkenbude, in der allein Flitter und Nippes für solche ausliegt, die nur die putzigen Sachen sammeln.

Österreich, Deutschland und Japan ist vielleicht weiters gemeinsam, dass von außen etwas nachgeholfen wurde ein diesbezügliches Bewusstsein nicht zu vernachlässigen. Aber es ist immerhin heute vorhanden. Wer in der Türkei an den Völkermord gegen die Armenier erinnert, riskiert zumindest einen Gefängnisaufenthalt. In der Volksrepublik China Maos Untaten namhaft zu machen, kann einen Kopf und Kragen kosten. Und bis vor wenigen Jahren sind in Südkorea Menschen, die die Erinnerung an den Genozid auf Cheju öffentlich wach halten wollten, einfach verräumt worden.
Nachgeborene, denen es freilich nicht als eine Selbstverständlichkeit ankommen kann über Menschen den Stab zu brechen, die unter Bedingungen lebten, die nicht den heutigen entsprechen, können von den Erzählungen der Kriegsgeneration profitieren, zumal wenn die etwas anderes verbreiten als den Sermon oder Kanon des vermeintlichen Heldenmuts. In Deutschland und Österreich hat die Rückschau viel zu spät und erst im Rahmen der kontroversiellen Auseinandersetzung um die so genannte Wehrmachtsausstellung (organisiert vom Hamburger Institut für Sozialforschung) eingesetzt.

Worüber in Japan manche Schulbücher schweigen oder sich in euphemistischem Ton ergehen, berichten Menschen wie Honda Ryutaro aus eigenem Erleben. Seit 1986 erzählt der heute 92jährige in japanischen Schulen und im Rahmen öffentlicher Vorträge, die ihn auch mehrmals nach China führten, freimütig von seinen Drangsalen in der Kaiserlichen Japanischen Armee, vom Umgang mit den Gefangenen, vom Schicksal der zum Kriegsdienst gepressten “Freiwilligen”.[Onaga Tadao]
In Kawagoe, Präfektur Saitama, hat sich 1957 die so genannte Chukiren Friedensgruppe etabliert. Ihre Gründerväter waren 1100 aus chinesischer Kriegsgefangenschaft repatriierte Japaner, die sich anschickten die Wahrheit über den Krieg zu dokumentieren. Obwohl sich diese Gruppe 2002 wegen Überalterung ihrer Mitglieder auflöste, ging ihr Erbe in das heute bestehende Chukiren Friedensmuseum ein und deren Anliegen werden von Aktivisten einer jüngeren Generation weiter verfolgt, die damit einen deutlichen Akzent im verantwortungsvollen Umgang mit der Vergangenheit setzen. Im Museum werden die Hinterlassenschaften der ehemaligen Kriegsteilnehmer verwahrt und die Erinnerungen der noch lebenden Veteranen aufgezeichnet, um sie auch künftigen Generationen authentisch vermitteln zu können. Die Alpdrücke, die sich die Alten von der Seele reden und von denen manch einer sich wünschte, dass sie noch mehr sprechen machen würden, offenbaren die grausige Realität des Krieges. Ihre bitteren Erfahrungen verdeutlichen, dass es nichts Wichtigeres geben kann als den Frieden. [Tanaka Miya]

Rechtzeitig zum bevorstehenden Gedenkjahr an das Massaker von Nanking (1937) [Bix Herbert P.] werden drei Filme realisiert. “The Rape of Nanking”, eine chinesisch-amerikanisch-britische Gemeinschaftsproduktion, “Nanking! Nanking!” von Lu Chuan und “Diaries” von Stanley Tong aus Hongkong. [Tsukamoto Kazuto]

Einen Wettlauf mit der Zeit liefern sich jene Institutionen, die sich um die Rückführung von sterblichen Überresten japanischer Armeeangehöriger aus den Gebieten, die einst von Japan besetzt worden waren, bemühen. Nach Einschätzung von Akiyama Kakunosuke sind von den 2,5 Millionen Toten in Übersee 48 Prozent bis zum heutigen Tage nicht geborgen und in angemessener Weise bestattet worden. Zum Vergleich führt er den Prozentsatz der im Zweiten Weltkrieg, im Koreakrieg und im Vietnamkrieg vermissten US-amerikanischen Soldaten mit 17 Prozent an. Nach japanischen Toten ist im Dschungel von Neu Guinea und in entlegenen Regionen Indonesiens, der Philippinen sowie Sibiriens zu suchen. Unabdingbar für das Gelingen eines solchen Unterfangens bleiben die Angaben heute noch lebender Veteranen, wie die von Yoji Ota, der seine Kenntnisse dem Museum des Pazifischen Krieges in Ohshu, Präfektur Iwate, zur Verfügung stellt. Ota berichtet, dass viele seine Kameraden während der Kapitulationsphase verhungerten, er selbst gerade noch überlebte, weil er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. [Nakamura Akemi]

Quellen:
Bix Herbert P.: Remembering the Nanking Massacre. www.japanfocus.org
Onaga Tadao: Speaking out. The Asahi Shimbun, 03.03.2006
Nakamura Akemi: Hunt for war dead a race against time. Relatives join in search for graves of 1.2 million MIAs overseas. The Japan Times, 01.11.2006
Tanaka Miya: Center a testimony to Japan’s war aggression. The Japan Times, 08.11.2006
Tsukamoto Kazuto: 3 films planned ahead of 70th anniversary of Nanking Massacre. The Asahi Shimbun, 18.10.2006

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