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Der japanische Premier in den Tagen der Katastrophe



Buchtitel: Als Premierminister während der Fukushima-Krise
Autor: Naoto Kan. Aus dem Japanischen von Frank Rövekamp
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2015
ISBN 978-3-86205-426-8

Der Rechtfertigungsbericht eines Politikers, könnte man vorab vermuten und in Erwartung der in diesem Genre grassierenden Beschönigung und Selbstbeweihräucherung die Hände über den Kopf schlagen. Aus dieser Fehleinschätzung dann auch noch abzuleiten, die eingehende Beschäftigung mit dem Buch würde sich erübrigen, wäre der Gipfel. An eigener Überheblichkeit allerdings.
Kan erläutert im Vorwort wie sehr er die Übertragung seiner Schilderung in die Sprache jenes Landes, dem er sich seit geraumem sehr verbunden weiß, begrüßt. Und macht kein Hehl daraus, dass die zurückliegenden Ereignisse ihn, den Physiker mit Hochschuldiplom, den es in die Politik verschlagen hat, vom Saulus zum Paulus werden ließen, was die Agenda Atomkraft betrifft. Naoto Kan wäre der Premier gewesen, der für Japan auf den Weg bringen wollte, was schließlich der Deutsche Bundestag beschlossen hat, nämlich den Ausstieg aus der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie. Aber wie bekannt, ist dem Mann sein Wirken in den Tagen der Katastrophe von 2011 politisch nicht gedankt worden. Das „Atomdorf“ (原子力ムラ) – die Bezeichnung mit welcher der Schulterschluss von Atomwirtschaft, Ministerialbürokratie, Medien und Wissenschaftlern in Japan verbrämt wird – verzeiht seinen Renegaten niemals.
Wie erinnerlich verheerte die durch das Tōhoku-Erdbeben ausgelöste Tsunami nicht nur besiedelte Küstengebiete und kostete dabei mehr als 16 000 Menschen das Leben, sondern verursachte auch noch den „weltweit größten Atomunfall der Geschichte“. Schon die erste Herausforderung des Premiers, Übersicht über eine permanent sich wandelnde Faktenlage zu gewinnen, drohte an der Inkompetenz der Beamten der Atomaufsichtsbehörde einerseits, an den sich in Fukushima dramatisch überstürzenden Ereignissen andererseits, aufzulaufen. „Direkt nach der Katastrophe erreichten mich praktisch keine verlässlichen Informationen“, schildert Kan die Dramatik der ersten Stunden. Selbst mit Vertretern des Energieversorgers TEPCO war keine ständige Verbindung aufrechtzuerhalten. Einzig der im havarierten Kraftwerk verbliebene Werksleiter Yoshida erwies sich als kooperationsfähig. Dass es angesichts des Totalausfalls von Notstromversorgung und Kühlkreisläufen, sowie den Wasserstoffexplosionen dann doch nicht zum worst case gekommen ist und der Großraum Tokio nicht evakuiert werden musste, führt Kan auf „eine Verkettung von glücklichen Zufällen“ zurück. Tatsächlich hatte es bis zu diesem Zeitpunkt für das Elementarereignis eines GAUs in Japan keinen Notfallplan gegeben, sodass der Premier mehr oder weniger einen Präzedenzfall zu moderieren hatte. Dass ihm die Erfahrungen jener Tage kein politischer Verantwortungsträger von Verstand neidet, ist wohl klar. Darum bleibt es auch kaum nachvollziehbar, wie aus den Bewertungen seines Handelns in Japan politisches Kleingeld geschlagen werden konnte. Schließlich sah Kan sich auch mit einer Verleumdung seines Nach-Nachfolgers Shinzo Abe konfrontiert, die die Gerichte befasste.
Der ambitionierte Plan von Naoto Kan und dessen unmittelbarem Nachfolger im Amt des Premierministers, Yoshihiko Noda, die japanische Energiepolitik vollkommen neu auszurichten, darf inzwischen als revidiert gelten. Nach gegenwärtigem Stand der Dinge (Jänner 2016) sind trotz Protesten in der Bevölkerung die Meiler zweier Atomkraftwerke wieder hochgefahren worden.
Dem Buch ist eine weit gestreute Leserschaft zu gönnen! Nicht den Katastrophen-Romantiker will es ansprechen, wohl aber Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung. Zu empfehlen ist es darüber hinaus Fachkräften der Zivilschutzeinrichtungen und allen Interessierten, die immer schon vermutet haben, dass den dürren Resultaten der Politik, nicht zwangsläufig ebensolche Anstrengungen vorausgehen müssen. Allen anderen, an Japan Interessierten sowieso.

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