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Nichts Besonderes

Kaufen bei Amazon.deBei Amazon.de kaufenNichts Besonderes, nur mein Leben. Taishita koto nai jinsei. Gespräche mit alten Japanerinnen (Taschenbuch)

ISBN: 3895014575
ASIN: 3895014575
EAN: 9783895014574
Autor: Helga Sentivany
Erschienen bei: Fischer, R. G.
Erscheinungsdatum: 1997-01-01
in Partnerschaft mit Amazon.de

Buchtitel: Nichts Besonderes – nur mein Leben (Taishita koto nai jinsei). Gespräche mit alten Japanerinnen
Autorin: Helga Sentivany
Verlag, Erscheinungsjahr: R. G. Fischer, 1997
ISBN 3-89501-457-5

Vor einigen Jahren ließ der damalige japanische Botschafter in Österreich in einem Radiointerview mit den Worten aufhorchen, dass er und seine Frau es außerordentlich bedauern würden, Österreich verlassen zu müssen, um nach Südafrika oder Südamerika (die genaue Destination habe ich vergessen) zu wechseln. Die gemeinsame Tochter, die in Wien studierte und hier ihren Freundeskreis aufbaute, hätte sich gleich geweigert mitzukommen. Die Offenherzigkeit seiner Exzellenz [Ich bedaure sehr, seinen Namen nicht behalten zu haben. Aber das Alter beschert einem Knieschmerzen und fortschreitende Demenz!] war aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Erstens gibt ein Diplomat (gleich welcher Nationalität) selten seine mentale Reservation preis, zumal in Angelegenheiten privater Befindlichkeit, und, zweitens, hat es sich bei diesem Herrn um einen echten Japaner gehandelt. [In den Tagen bevor Seiji Ozawa das Neujahrskonzert dirigierte, beendete er ein Auskunftsgespräch mit den Worten, er habe keine Zeit mehr, er müsse partout jetzt seine Frau anrufen. Beide hätten nämlich vereinbart, während Auslandsaufenthalten, zu genau festgesetzten Zeiten miteinander zu telefonieren.]
Es gibt die Zwangsvorstellung, Konversationen mit Japanern würden in nebulöser Höflichkeit und launiger Unverbindlichkeit verschwimmen. Man stellt eine präzise Frage (oder was man dafür hält) und bekommt ein Rätsel zur Antwort. Auf die Idee, dass, wer zu heiklen Dingen ohne Umschweife direkt sich äußert, womöglich derb erscheinen könnte und dieser Eindruck tunlichst vermieden werden möchte, verfällt man offensichtlich nicht. In Japan hält man eben noch was auf einen gesitteten Umgang.
Die Lebensgeschichte von Frauen zum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung zu machen oder überhaupt in den Mittelpunkt eines (öffentlichen) Interesses zu rücken, hat auch in Europa noch keine lange Tradition. [Man bedenke, dass Georges Dubys Monumentalwerk Storia delle donne in occidente auch noch keine zwanzig Jahre alt ist!] Was Wunder, dass sich kaum deutschsprachige Literatur über Japans Frauen im 20. Jahrhundert finden lässt (abgesehen von verstreuten Aufsätzen in den Fachjournalen der Japanologie und den Sozialwissenschaften).
Die Autorin des vorliegenden Buches, die über einen Zeitraum von mehreren Jahren selbst in Japan lebte, befragte 1995 betagte Japanerinnen, mit denen sie über Vermittlung in Kontakt trat, über ihre Lebenshintergründe. Sämtliche Frauen waren zum Zeitpunkt der Gespräche zwischen 70 und 90 Jahre alt, was der Generation meiner (österreichischen) Großmütter entspricht. Absicht des Buches ist es, mit den wiedergegebenen Schilderungen der Frauen, etwas über den “typischen” Werdegang von Japanerinnen zu vermitteln, wie er für den überwiegenden Teil der weiblichen Bevölkerung wohl unausweichlich gewesen ist. Wiewohl eine gewisse Geziertheit gegenüber der fragenden Ausländerin den Duktus der Gespräche lenkte und die Gesprächssituation im Beisein enger Verwandter oft etwas hölzern geriet, verblufften die Alten immer wieder mit unverblümter Einschätzung retrospektiver Verhältnisse.
Die Frauen, die sämtliche in der Taisho-Ära (1912 – 1926) oder der frühen Showa-Zeit geboren wurden, haben durchwegs über die Institution des “omiai” oder “miai” zu ihren Ehepartnern gefunden. Von einer Liebesheirat konnte keine Rede sein. Nur Frau Teruko O. sprach von einer großen Liebe (dai renai), bezog sich damit allerdings auf die Ehe ihrer eigenen Großmutter. Zu jener Zeit waren auch in Europa die arrangierten Ehen noch Gang und Gebe. [Auch meine Großmütter aus dem Bauernstand, die um 1930 heirateten, wurden ihren Ehepartnern vermittelt oder vice versa.] Diese Gepflogenheit ist daher in Japan [wie übrigens auch in Korea und anderen Gesellschaften Ostasiens üblich] weniger verwunderlich, als die Tatsache, dass sie sich beinahe bis zum heutigen Tage hielt.
Ehescheidungen waren früher höchst selten und (nicht zuletzt aus Gründen ökonomischer Abhängigkeit) für Frauen mit vielerlei Nachteilen verbunden, sodass die Frauen dieses Gesprächsreigens in einer für sie wenig erbaulichen Partnerschaft ausharrten. Eine äußerte offen, dass es letztlich wohl der Gewohnheit geschuldet sei, ihren Mann nicht wenigstens im Alter verlassen zu haben. [Der Trend zur Ehescheidung im Alter, wie er seit jüngster Zeit in Japan boomt, war also vor einem Jahrzehnt noch nicht erkennbar.] Dass arrangierte Ehen auch für Männer nicht unbedingt zum Quell der Erquickung wurden, ist natürlich unbestritten. Ebenso unbestritten ist aber auch, dass Männern stets andere Möglichkeiten offen standen, die sich daraus ergebenden Frustrationen zu kompensieren, ohne soziale Sanktionierung (oder Stigmatisierung) in Kauf nehmen zu müssen.
Im Alter haben die Frauen dieses Buches zu einer heiteren Gelassenheit gefunden, die ihnen in früheren Jahren oft versagt blieb (durch gesundheitliche Beeinträchtigung, schwere körperliche Arbeit, Entbehrungen der Kriegszeit, Ableben von Angehörigen, …). Wenn man das liest, bekommt man ein Gefühl dafür, dass die Japanerinnen und Japaner keine Marsmenschen sind, die die Wechselfälle exotischer Biographien auszutarieren hätten, die uns ganz und gar unverständlich blieben. In ihren Wünschen und Nöten, Hoffnungen und Bestrebungen unterscheiden sie sich kein Jota von den Leuten unseres Kulturkreises. [Was wieder der alten Anthroposophen-Ansicht Nahrung gibt, die Menschen wären einander näher, als sie es oft wahrhaben möchten.]
Gerade fällt mir ein, dass Hauptdarstellerin Yukika Kudo in dem Film “Colors” von Edgar Honetschläger, einem zeitgenössischen österreichischen Künstler, der zehn Jahre in Tokio lebte, während einer Szene in der Brancacci Kapelle in Florenz etwas trotzig von sich gibt, Realistin zu sein und weder an so etwas wie “das Paradies”, noch an “die Liebe” glaube. Überhaupt wäre “lieben”, wie in der affirmativen Wortbedeutung der europäischen Sprachen verwendet, im Japanischen bis in die Meiji-Ära gänzlich unbekannt gewesen.
Schreckliche Vorstellung!

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