Mishima

Buchtitel: Yukio Mishima
Herausgeber: Irmela Hijiya-Kirschnereit, Gerhard Bierwirth
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium
ISBN 978-3-86205-247-9

Warum man sich auch heute noch mit Mishima auseinandersetzen sollte, ist eine müßig zu beantwortende Frage. In der gerade laufenden Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach über den „Wortarbeiter und Augenmensch“(Roman Bucheli, NZZ) Ernst Jünger, wird der unabgeschlossenen Auseinandersetzung mit diesem ‚deutschen Ernstfall’ neue Nahrung geboten. Beiden, Jünger wie Mishima, zu Eigen war ein Hang zur Selbststilisierung und -inszenierung, die bei letzterem in jenem berüchtigten Kulminationsmoment gipfelte, der sich heuer zum vierzigsten Mal jährt. Die Beschäftigung mit Mishima ist natürlich kein Schönwetterausflug in die Gattungsniederungen der Poesie und weit über den Kreis von Japanologinnen und Japanologen hinaus von Relevanz. Vorliegendes Buch versammelt eine vielstimmige Konfrontation mit diesem japanischen Autor.
Irmela Hijiya-Kirschnereit beschäftigt sich in dem Wiederabdruck eines Aufsatzes von 1997 S. 15 f.) mit einer Erzählung Mishimas aus dem Jahr 1955, die die Gräueltaten japanischer Soldaten in Nanking direkt anspricht. Die Verwunderung darüber, dass im Dezennium nach dem Kriegsende einer breiteren Öffentlichkeit die Kenntnis über Verfehlungen der Vergangenheit durchaus geläufig war [und selbst das japanische Filmschaffen thematisiert das in diesen Jahren!], während sie gegenwärtig aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt scheint, dieser Befund hat wohl leider nach wie vor eine gewisse Aktualität.
Christoph Held durchleuchtet die Erzählung Yūkoku auf eine Weise (S. 18 ff.), die sie einem als unerträglich pathosschwangeres Geschreibsel erscheinen lässt. Ken’ichi Mishima führt Nietzsche, d’Annunzio und seinen Namensvetter zusammen (S. 32 ff.), um letzteren als einen besonderen Fall zeitbedingter Verstiegenheit herauszuarbeiten. Claudia Wünsche spürt der Relevanz Mishimas für das Schaffen zweier Gegenwartsautoren (Murakami und Shimada) nach (S. 53 ff.), die sich auf jeweils eigene Weise von den wirkmächtigen Konstruktionen ihres Vorgängers absetzen. Dabei erscheint der Vitalismus Murakamis zur ideologisch verbrämten Nekrophilie Mishimas geradezu antipodisch konzipiert.
Rebecca Mak macht in einer überarbeiteten Fassung ihrer Magisterarbeit den bislang wenig beachteten Aufbau der Erzählung „Die Stimmen der toten Helden“ gemäß den Strukturen des klassischen Nō-Theaters deutlich (S. 76 ff.). [Eine von Rebecca Mak besorgte Übertragung der Erzählung aus dem Japanischen findet sich am Ende des Buches.] Christopher Scholz stellt in der Befassung mit der Kurzgeschichte „Rosinenbrot“ (S. 151 ff.) das darin enthaltene Lautréamont-Zitat de Sade und vor allem Bataille gegenüber. Der Ekel einer von bürgerlicher Alltagsperformanz angewiderten Generation findet weder zum produktiven Konzeptualismus der Existentialisten, noch zur rauschhaften Ausgelassenheit der Beatniks, er salbadert vielmehr in einer amoralischen Verlorenheit, die jeglichen Ansporn verweigert und in dieser Haltung die Leb- und Lieblosigkeit der denunzierten ‚stupiden Gesellschaft’ teilt.
Auf bewährt eloquente Weise führt Gerhard Bierwirth Mishima mit Hegels Auffassung von Anerkennung aus der „Phänomenologie des Geistes“ zusammen („Mishima und Hegel – die verweigerte Anerkennung“, S. 175 ff.), „um feststellen zu können, ob Mishimas Distinktionsbemühungen nur eine soziale Marotte oder nur eine Frage des Stils waren, oder ob sie sein Werk ebenso wie seinen Subjekt- und Künstlerbegriff insgesamt betrafen.“(S. 177) Freilich klingen seine Überlegungen nicht in einer lapidaren Schlussfolgerung aus.
Für Anstöße zu anhaltender Beschäftigung mit Mishima bleibt also auch weiterhin gesorgt.



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