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Aspekte der Gerontokratie

Kaufen bei Amazon.deBei Amazon.de kaufenJapanstudien, Band 21 / 2009: Jahrbuch des Deutschen Instituts für Japanstudien (Gebundene Ausgabe)

ISBN: 3891296991
ASIN: 3891296991
EAN: 9783891296998
Erschienen bei: Iudicium
Erscheinungsdatum: 2010-01
Preis: EUR 12,00
in Partnerschaft mit Amazon.de

Buchtitel: Altern in Japan. Japanstudien Band 21.2009
Herausgeberin: Maren Godzik
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2010
ISBN 978-3-89129-699-8

Alt werden ist nicht schön, hat meine Oma immer gesagt, wobei ihr Bedauern vor allem auf den schleichenden körperlichen Verfall abzielte. Die eigene Befindlichkeit, die Integration in ein soziales Umfeld und das dadurch unterstützte Selbstverständnis, mögen das eine sein. In welchem Land man damit überhaupt daheim ist, das entscheidende andere. In Würde und im Gewahrsam stabiler Verhältnisse etwa im Kongo zu altern – vermag man sich sehr schwer vorzustellen.
Dieser Sammelband von einschlägigen Aufsätzen beleuchtet die Verhältnisse in Japan, der, wie es häufig gesagt wird, am schnellsten alternden Gesellschaft weltweit. Der Anteil der über 65jährigen an der Gesamtbevölkerung wird um 2050 40 Prozent erreichen, zitiert Akiko Oda in ihrem Aufsatz eine offizielle Prognose (S.26). Nicht weiter tragisch, könnte man meinen, wenn man Carolina Paulsens Beitrag „Arbeiten bis ins hohe Alter“(S. 125 ff.) studiert, darin sie die Rahmenbedingungen erhellt, die Arbeitnehmer in Japan dazu animiert nicht vorzeitig in Rente zu gehen. Pensionsalarmisten in Deutschland und vor allem Österreich, wo der möglichst frühe Rückzug aus der Erwerbstätigkeit angeblich als Volkssport betrieben wird, könnten ins Schwärmen geraten. Ob die Situation für die Japaner aber wirklich so beneidenswert ist, bis zum Umfallen in der Tretmühle mitzumachen? Vor lauter Arbeit im Kopf weiß man sich nichts mehr anderes und falls es doch einmal mit dem Rückzug aufs Altenteil was wird, merkt Mann, dass er es verlernt hat sich mit seiner Ehefrau auszutauschen. Akiko Odas diesbezügliche Einblicke, „Autonomy, Reciprocity and Communication in Older Spouse Relationsships“(S. 25 ff.), sprechen eine deutliche Sprache, geben aber auch der Hoffnung Ausdruck, dass sich die Verhältnisse künftighin verstärkt auf einen für beide Ehepartner akzeptablen Modus Vivendi wandeln mögen. Damit nicht wiederum eine andere Statistik genährt wird, der Julius Popp und Johannes H. Wilhelm in ihrem Aufsatz „Altern und Suizidalität im heutigen Japan“(S. 73 ff.) ihre Aufmerksamkeit schenken. Die dem Befund: „Als einer der wichtigen Gründe für die hohe Suizidalität unter älteren Menschen in Japan wird die Auflösung der traditionellen Familienstruktur angenommen“(S. 82) folgenden Konsequenzen in der Schilderung von Präventionsmaßnahmen, könnten sich auch in anderem gesellschaftlichen Umfeld als diskutabel erweisen.
Julia Obinger nimmt sich der „Situation älterer Obdachloser in urbanen Räumen Japans“(S. 95 ff.) an, wobei vor allem das steigende Durchschnittsalter der japanischen Obdachlosen zu Denken gibt, sowie die Aussichtslosigkeit der älteren, sich zumeist aus dem Milieu der ehemaligen Tagelöhner zusammensetzend, in Konkurrenz zu jüngeren, je wieder in einigermaßen geregelten Abläufen dauerhaft Fuß fassen zu können. Das Resümee ernüchtert: „Es ist zu erwarten, dass die Zahl der Obdachlosen in den kommenden Jahren mit der steigenden Zahl der working poor zunehmen wird.“(S. 119)
Kazue Hagas Betrachtung „Gründungsdynamik in alternden Gesellschaften – das Beispiel Japan“(S. 163 ff.) kann auch als Ergänzung zu Carolina Paulsen gelesen werden: Dynamische Alte als Firmengründer, die somit dem demographischen Wandel die Schärfe fehlender jüngerer Arbeitskräfte und Innovatoren nehmen könnten – das zeichnet eine verfängliche Perspektive, deren empirische Untermauerung, wie die Autorin schließt, sich allerdings erst noch herausstellen muss.
Michael Prieler, Florian Kohlbacher, Shigeru Hagiwara und Akie Arima untersuchen „Ältere Menschen in der japanischen Fernsehwerbung“(S. 197 ff.) und haben, wenig überraschend, deren mangelnde Repräsentanz in diesem Medium zu gewärtigen.
Katrina Moore und Ruth Campbell setzen sich mit traditionellen Künsten im Freizeitverhalten japanischer Senioren auseinander (S. 223 ff.), Jill Miller mit männlichen Retirierten als Freiwilligenhelfer im Pflegebereich (S. 253 ff.), Cosima Wagner vergleicht den vielfach beschworenen Pflegeeinsatz von Robotern (S. 271 ff.) mit der sozialen Realität – wirklich zum Laufen gebracht scheinen die Dinge hier noch nicht. [Und damit bleibt wohl auch Bae Doo-nas Rolle der lebenden Puppe Nozomi in dem Film „Kūki ningyō“ von Koreeda Hirokazu reine Science Fiction!]
Ein Sonderbeitrag von Stefan Lippert und Thomas Ammann beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Finanzkrise und den Auswirkungen auf Japan (S. 301 ff.). Nützliche Buchrezensionen beschließen den Band.
Wer japanmäßig am Laufenden bleiben will, ist mit den Jahrbüchern des Deutschen Instituts für Japanstudien immer gut bedient! Die Lektüre kann allen Interessierten empfohlen werden.

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