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Land der Nervensägen?



Buchtitel: Darum nerven Japaner. Der ungeschminkte Wahnsinn des japanischen Alltags
Autor: Christop Neumann
Verlag, Erscheinungsjahr: Piper, 2007
ISBN 978-3-492-24508-1

Dies ist die Taschenbuchausgabe des 2002 bei Eichborn erschienenen Originals. Mittlerweile wird die Taschenbuchversion seit der Erstausgabe 2006 in der siebten Auflage gelistet. Das Buch darf also als Verkaufsschlager gewertet werden. Sein Autor (lebt und arbeitet) seit 1995 in Japan und verfasste für ein japanisches Publikum eine entsprechende Version des vorliegenden Werks. Der Zuspruch, den es in Japan fand, darf wohl im Zusammenhang mit dem Faible für nihonjinron, dem typischen Diskurs unter Japanern über die herausragende Besonderheit Japans, gesehen werden. Außerdem sollte man wohl nicht unterstellen, Japaner wären nicht fähig über sich selbst zu lachen. Der beachtliche Erfolg des Buches in deutschsprachigen Landen kann freilich nicht nur einem allgemeinen Interesse an Japan und seinen Menschen geschuldet sein. Vielleicht tut es auch einfach gut, die Dinge hier ein wenig gegen den Strich gebürstet vorzufinden und einem als Deutschen sozialisierten Menschen in Konfrontation mit den japanischen Verhältnissen zu begegnen, der es indessen nicht darauf anlegt, die ihm fremde Kultur platt zu denunzieren. (Amélie Nothombs Roman „Stupeur et trembelements“ verfolgt das ja auch nicht.)
Vermeint man, Japan sei das Land wo alles Eitel, Wonne, Waschtrog sei, so vermag einen die Lektüre dieses Buches ziemlich runterholen. Nüchterne Naturen erfahren, dass andere Länder eben andere Verrücktheiten kultivieren und Affinität zu einem anderen Land / einer anderen Kultur nicht bedeuten muss, dass man sich allen Verstiegenheiten bedenkenlos unterwirft.
Die Geschichten mit dem Ausziehen der Schuhe, wenn man ein japanisches Haus betritt und die Chose mit den Toilettenpatschen sind ja allgemein bekannt. Aber dass Einsatzkräfte in Japan ebenfalls pedantisch darauf bedacht sind, sich nur ja keinen Fauxpas diesbezüglich zu leisten, mutet haarsträubend an, wenn man bedenkt, dass es mitunter um Augenblicke gehen kann, die entscheiden ob ein Menschenleben zu retten ist.
Pedanterie im Umgang mit Regeln kann dazu führen, den Weg aus dem Schwimmbad zweimal antreten zu müssen (S. 32 ff.), zum Radfahren bedarf es Verwegenheit und (untypischer) Rücksichtslosigkeit (S. 39 ff.) gleichermaßen, und dass die Yakuza die japanische Gesellschaft in einem Maße infiltriert hat, dem man durch Verleugnen schon gar nicht beikommen kann (S. 54 ff.) ist ein Problem, dass Japan auf dem internationalen Anti-Korruptionsindex wahrscheinlich keine Spitzenposition beschert.
Neumann raubt einem die schönen Illusionen, allerdings nicht mit der Absicht, einem alles an Japan zu verleiden, sondern den Blick für die Widersprüche zu schärfen (sinkende Geburten- neben hoher Abtreibungsrate, Aufrufe zur Müllvermeidung bei gleichzeitigem Anwachsen des Verpackungsmülls …).
Vielleicht mutet das eine oder andere etwas überzogen an, aber wer sollte als Ausländer Japan besser einschätzen können als jemand, der seit Jahren seinen Lebensmittelpunkt dort weiß?

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