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Frauen mit Gestaltungskraft

Kaufen bei Amazon.deBei Amazon.de kaufenAvantgarde Männersache?: Künstlerinnen im Japan der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts (Taschenbuch)

ISBN: 3891295952
ASIN: 3891295952
EAN: 9783891295953
Autor: Maren Godzik
Erschienen bei: Iudicium
Erscheinungsdatum: 2006-03-23
Preis: EUR 25,00
in Partnerschaft mit Amazon.de

Buchtitel: Avantgarde Männersache? Künstlerinnen in Japan der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts
Autorin: Maren Godzik
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2006
ISBN 3-89129-595-2

Dass die Kunstgeschichte eine Erbengemeinschaft Pinsel schwingender Herren sein muss, die sich wechselseitig in pathetischen Phrasen ihrer Genialität versichern, und Frauen geschlossen außen vor sein lassen, folgt einer jener “tief schürfenden Erkenntnisse” des 19. Jahrhunderts, die zumindest im späten 20. als völlig schwachsinnig desavouiert sind. Das Vorurteil vom Nichtvorhandensein weiblicher Kreativität erwuchs Europa in der griechischen Antike, wiewohl es bereits damals von Frauen (Sappho, Nossis, …) eindrucksvoll widerlegt wurde.
Dass die Guerilla Girls in den 1970er Jahren in spektakulären Aktionen darauf verwiesen, Frauen brächten es in den Museen der Welt häufiger zum leicht geschürzten Sujet, jedoch bedeutend seltener zu Urheberinnen von Kunstwerken, die für würdig erachtet würden Eingang in die Sammlungen zu finden, mag manchem als zusätzlicher Beweis gelten, dass das 19. Jahrhundert tatsächlich ein verdammt langes Jahrhundert gewesen ist. [Schlaumeier lassen es bekanntlich mit dem Jahr 1989 (Mauerkrach) enden.]
Das Land der aufgehenden Sonne liegt nicht hinterm Mond und darum lässt sich auch die Geschichte der Würdigung von Künstlerinnen in Japan und ihrer Anerkennung als solcher mit dem Rest der Vernissagen-Welt durchaus in Vergleich setzen. Überlegungen der Art mögen vielleicht auch die Verfasserin geritten haben, die die Beschränkung auf die Avantgarde-Szene der Nachkriegsära zum Untersuchungsgegenstand vorliegender Dissertation erkoren hat.

Dass sich japanische Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart in Europa einer größeren Aufmerksamkeit erfreuen, kann zumindest in den letzten Jahren registriert werden. [Der King unter den rezipierten Asiaten war zweifelsohne der Medienkünstler Nam June Paik.] Die Ausstellungseröffnung von Malereien des Künstlers Nara Yoshitomo in der Pinakothek der Moderne in München 2005 wurde von einem regelrechten Rattenschwanz treuseliger, zumeist weiblicher Fans begleitet. Vielleicht sagen einem noch die Namen Araki [zu dessen eindrücklichen Arbeiten ich die Konterfeis der Sängerin Björk Guttmundsdottir gezählt haben möchte!] und Sugimoto Hiroshi etwas. Aber wenn die Frage auf Künstlerinnen kommt, fällt einem mitunter gerade noch Yoko Ono ein und die Gehässigkeit der Lennon-Fans, sie wäre für dessen musikalische Bankrotterklärung mindestens mitverantwortlich zu machen. Fluxus-Artefakte der Dame sind freilich noch die erbaulicheren Exponate in der insgesamt recht erbärmlichen Ausstellung “Chikaku. Zeit und Erinnerung in Japan”, im Kunsthaus Graz 2005, gewesen. [Yoko Ono weilte übrigens 2005 im Rahmen einer Personale mehrmals in Akitas niederbayrischer Partnerstadt Passau.] Dass mit japanischen Künstlerinnen gerechnet werden darf, hat in Österreich unlängst Sai Hashizume unter Beweis gestellt, die sommers (2006) über in Krems im Rahmen eines “Artist in Residence”–Programms weilte. Ihre ätherisch-versponnenen, photorealistischen Malereien frappieren den Betrachter mit wunderbarer Irritation. Hinweisen möchte ich auch auf die 1967 in Tokio geborene, mittlerweile in Düsseldorf lebende Photokünstlerin koreanischer Abstammung, Yun Lee. Und dass das Wiener Burgtheater mit Hara Sachiko seit kurzem eine Japanerin im Ensemble hat, die ursprünglich als Performance-Tarantel herumpolterte, soll auch nicht unerwähnt bleiben.

Maren Godzik bettet ihre Auseinandersetzung mit den weiblichen Beiträgen der japanischen Avantgarde in eine Beschreibung der geschichtlichen Voraussetzungen ein, unter denen es Frauen möglich war, anerkannt künstlerisch zu arbeiten. Dass Lehrgänge an Akademien Frauen zunächst die Aufnahme verweigerten und sich hernach eher der Pflege des traditionellen Rollenbildes verpflichteten, findet Parallelen durchaus auch in Europa.
In der späten Heian-Zeit wurden Frauen Stil prägend für das, was als onna e (Frauenmalerei) bezeichnet wurde (z. B.: Illustrationen von literarischen Texten). Zu bedauern ist, dass sich Originale aus dieser Zeit nicht überliefert haben. In der darauf folgenden Edo-Zeit wurden die Entfaltungsmöglichkeiten der Frauen weit reichenden Beschränkungen unterworfen. “Ähnlich wie in Europa hatten also Töchter und Ehefrauen von Kunstschaffenden die größten Chancen, selbst künstlerisch aktiv zu werden.”(S. 51) Godzik nennt etwa die Töchter Hokusais.
Spannend wird die Geschichte nach 1945 mit der Begründung oder Neugründung von Avantgarde-Zirkeln. [Deren Vorgänger waren spätestens in den 1930er Jahren aus den bekannten Gründen Restriktionen unterworfen worden.] Eine Entwicklung, wie sie vielleicht in Österreich nicht unähnlich verlaufen ist, mit der nachholenden Rezeption von internationalen Richtungen, wie Informel und Exponenten des abstrakten Expressionismus.
Die Autorin beschäftigt sich mit ausgewählten Gruppen (Jikken Kōbō, Gutai, Kyūshūha und Neo Dada) und ihren im genannten Zeitraum angehörigen Künstlerinnen. Grundlage der Untersuchung bilden zeitgenössische Rezensionen, Galerietexte, Künstler(innen)selbstdarstellungen und qualitative Interviews. Von den näher vorgestellten Künstlerinnen wurde zumindest Tanaka Atsuko die Ehre zuteil, eine Retrospektive ihres Schaffens in Österreich (Galerie im Taxispalais, Innsbruck 2002) erleben zu dürfen. Den Annex der Arbeit bildet eine Liste der staatlichen und privaten künstlerischen Institutionen, der Künstlergruppen und –vereinigungen, der Personennamen der Kunstschaffenden, sowie der geläufigen japanischen Termini zum Thema. Bedauern kann man eigentlich nur, dass das beigegebene Bildmaterial nicht eben üppig ausgefallen ist, zumal auch einschlägige Kompendien diesbezüglich kaum erhebende Einblicke gewähren. Auch wenn es der Verfasserin selbstredend darum zu tun ist, die Einbindung japanischer Künstlerinnen in den Kunstbetrieb (nicht nur Japans) zu beleuchten und keine ausgewählte Werkgeschichte vorzulegen. Des Eindrucks, damit einen kundigen Beitrag zur Sozialgeschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts in die Hand bekommen zu haben, wird man sich dennoch nicht verschließen können.

[Einen informativen Artikel zu Aspekten zeitgenössischer Kunst von Frauen, vor allem aus den asiatischen Regionen, hat Barbara Pollack für die September-Ausgabe 2001 der US-amerikanischen Kunstzeitschrift Artnews unter dem Titel Feminism’s New Look verfasst.
Online-Zugriff: http://artnews.com/issues/article.asp?art_id=971]

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