Frauen-Power

Buchtitel: Japanische Frauennetzwerke und Geschlechterpolitik im Zeitalter der Globalisierung
Autorin: Hiromi Tanaka-Naji
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2009
ISBN 978-3-89129-855-8

Vorliegende Untersuchung wurde von der Verfasserin als Dissertation an der Universität Bochum eingereicht. Die Aufnahme in die Reihe ‚Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien’ darf als zusätzlicher Qualitätsausweis verstanden werden. Der betriebene Aufwand in Relation zum Umfang des Untersuchungsgegenstandes, der unter anderem Forschungsaufenthalte in Japan und Südkorea einschloss, lassen einen darüber rätseln, wie eine einzige Person das alles innerhalb eines tolerierbaren Zeitrahmens überhaupt bewältigen kann, woran man auch zu mehreren durchaus zu scheitern vermag. [Der Erscheinungstermin eines Gemeinschaftswerks über ‚Die Frauenbewegung in Japan’, seit 2006 angekündigt, wurde erst jüngst wieder zum x-ten Mal verschoben.] Die durchaus nicht unironische Erklärung: Um ihre Arbeit über japanische Frauennetzwerke auf den Weg zu bringen, wird die Autorin selbst zur aktiven Netzwerkerin.
Dass das ausgewiesene Thema nicht nur Japanologinnen und Feministinnen interessieren sollte, Sozialwissenschaftler aller Couleur sowieso, liegt auf der Hand. Die Geschlechterverhältnisse sind auch in Mitteleuropa längst nicht soweit gediehen, dass man sich in die Brust werfen könnte, euphorisiert von der Wahnvorstellung alles läge im ‚grünen Bereich’: Die Hälfte aller Abgeordneten in den Parlamenten ist weiblich [Man erinnere ein süffisantes Agitprop-Plakat über die Zusammensetzung des Deutschen Bundestags von Klaus Staeck aus den 1980er Jahren: „Jeder zweite Abgeordnete ist eine Frau“!], die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen sind nivelliert, Frauen wie Männer partizipieren gleichermaßen an gesellschaftspolitischen Errungenschaften, Entfaltungs- und Karrieremöglichkeiten – i wo!
Die Betrachtungsweise der Autorin ist weder eurozentristisch noch jenen hegemonialen Diskursen verpflichtet, die von den Gefilden der Meisterdenker und -denkerinnen ihren Blick zuweilen ein wenig gönnerhaft über den Tellerrand heben. Von Japan selbst aus unter die Lupe genommen, nehmen sich die Ausgestaltungen der Frauennetzwerke gleich viel komplizierter und deren Errungenschaften durchaus noch respektabler aus. Dass Frauenvereinigungen aus Japan bereits in den 1970er Jahren mit Pendants aus Südkorea über die Problematisierung des so genannten kisaeng-Tourismus zu einer gemeinsamen Gesprächsbasis fanden, die später über die Verhandlung der ‚Trosttfrauen’-Schicksale intensiviert werden konnte, ist besonders beachtenswert, wenn man bedenkt wie schwer sich die offizielle Politik beider Länder tut auch über bedeutend weniger belastete und belastende Themen zusammenzufinden.
Das Buch startet mit einer Darstellung des wissenschaftlichen Arbeitsinstrumentariums und dessen Verankerung in der entsprechenden Fachliteratur. Das mag für Leserinnen und Leser fernab sozialwissenschaftlicher Profession etwas mühsam erscheinen, legt aber andererseits die Methodik der Zusammenführung der Erkenntnisse offen, macht also transparent auf welchen Theoriekonstrukten die vorgestellten Synthesen beruhen. Vor diesem Hintergrund und letztlich nur vor diesem Hintergrund könnten gewisse Schlussfolgerungen allenfalls einer Kritik unterzogen werden. Die verwendete Terminologie wird ebenfalls in erhellenden Definitionen erläutert, um die Anschlussfähigkeit zur internationalen Forschung zum gleichen Gegenstand unter Beweis zu stellen.
Profitieren kann man von dem Werk auch noch aus den folgenden Gründen:
Geboten werden komplexe Informationen zur Entwicklung der Frauenrechte in Japan seit der Meiji-Zeit. Biographische Details ausgewiesener Protagonistinnen ergänzen das Bild. Transformationsprozesse im Rechtsstaat Japan werden nachvollziehbar und somit das Land selbst auch in Fragen der Frauenemanzipation nicht als vom Rest der Welt (ab)geschieden dargestellt. Das Funktionieren diverser Frauennetzwerke erhellt in seinen komplizierten und zeitaufwändigen Abläufen.
Der Prozess der Implementierung von Gleichstellungsrechten ist ein mühevoller und langwieriger. Insbesondere das Überleben in der (japanischen) Verwaltungsbürokratie und die Reformierung derselbigen verlangen neben langem Atem und Hartnäckigkeit vor allem diplomatisches Geschick. Diese Besonderheiten gelingt es der Autorin eingängig deutlich zu machen.
Zuletzt: Die österreichische Abschätzigkeit von ‚networking’ wird zuweilen als Packelei und Freunderlwirtschaft abgetan. Japanische Frauennetzwerke in ihrer mitunter durchaus auch kontroversen Ausrichtung haben damit aber überhaupt nichts gemein.



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