Katos Närrische Gedanken



Buchtitel: Närrische Gedanken am Abend. Essays zu japanischer Kultur, Politik und Zeitgeschichte
Originaltitel: Sekiyō mōgo
Autor: Katō Shūichi
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2001
ISBN 3-89129-086-1

Wenn im Vorwort zum vorliegenden Buch die renommierte Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit konstatiert, der Intellektuelle (chishikijin) wäre eine in Japan aussterbende Spezies, so lässt sich dieser beunruhigende Befund spielend auch auf andere geistige Landschaften übertragen. Allein der Quell an Bildung, aus dem ein Intellektueller allemal schöpfte, muss, wie am Beispiel Katōs eindrucksvoll ersichtlich, ein nahezu niemals versiegender sein: Genaueste Kenntnis der japanischen Literatur und tiefe Einsicht in die chinesische, bestens vertraut mit europäischer Literatur, Philosophie und (Zeit-)Geschichte, sowie profunde Fremdsprachenkenntnisse (vervollkommnet durch langjährige Auslandsaufenthalte).
Katō Shūichi, ursprünglich als Arzt praktizierend, u. a. Verfasser einer wegweisenden japanischen Literaturgeschichte, schrieb über viele Jahre Kolumnen für die Asahi Shinbun in der Manier von Essays (zuihitsu). Der Band bietet eine repräsentative Auswahl dieser Arbeiten. Die Vorstellung, in Japan gäbe es keine Diskurse, kann man damit gleich einmal begraben. Katō hat eine glasklare Haltung zu Japans Vergangenheit (Ehrlichkeit, statt Leugnung oder Lamento), er plädiert für eine Bürgergesellschaft und ortet Demokratiedefizite weniger in der Bevölkerung, als bei den Politikern (vornehmlich bei jenen der LDP). Er kritisiert die Vereinigten Staaten (doch ohne die verbindenden Gemeinsamkeiten außer Acht zu lassen), bestreitet die Notwendigkeit von Verfassungsdebatten (etwa bezüglich einer Neudefinition der Selbstverteidigungsstreitkräfte) und ist über Historikerdebatten in Frankreich (den Kindermord von Vel d’Hiv’, 1942, in neuem Lichte betrachtend), deutsch-tschechische Versöhnungsgesten und ebenso über die Bemühung einer japanisch-koreanischen Verständigung durch Kulturschaffende informiert. Allein die Fülle an rezipierter Literatur ringt Bewunderung ab. Katō stellt sich selbst in die Tradition eines Kenkō (in Gedankenfülle und Autonomie etwa vergleichbar mit Montaigne). Geistige Anleihen bezieht er beiläufig auch von den Neukantianern (vor allem Cassirer). Katō Shūichi ist ein Zoon politikon und Universalist allererster Güte.

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