Der Abschlussband des großen Wörterbuchs



Buchtitel: Großes japanisch-deutsches Wörterbuch. 和独大辞典 Band 3. O – Z
Herausgeber/innen: Jürgen Stalph, Irmela Hijiya-Kirschnereit, Wolfgang E. Schlecht, Kōji Ueda
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2022
ISBN 978-3-86205-421-3

Ein monumentales Werk ist gediehen, man vermag es nicht weniger pathetisch auszuführen – der Abschlussband des universalen Wörterbuchs der japanischen und deutschen Sprache. Es ist beispiellos, allein was die Quantität seiner Lemmata angeht, die die Lexik des modernen Japanisch versammelt. Den Wörtern, gelistet in Lateinumschrift, folgt die Entsprechung in Kanji, bzw. Hiragana oder Katakana, danach die Bedeutung im Deutschen. Schließlich finden sich Beispielsätze angeführt, die sowohl original japanische als auch ins Japanische übertragene Literatur zitieren oder aus Fachliteratur, (Tages-)Zeitungen und Werbetexten schöpfen, um so ein möglichst breites Spektrum an Ausdruck und Auffassung, das jeder lebenden Sprache eignet, zu gewinnen. Fürwahr ist im Wörterbuch zu schmökern ein Gewinn! Schlägt man für gewöhnlich nach, um sich einer Wortbedeutung zu vergewissern, findet man sich hier alsbald verführt, sich auf Nebengleise zu begeben und angestoßen, als Lernender ernsthafter an der Erweiterung seines Wortschatzes zu arbeiten.
Man blättert beispielsweise die korrekte Schreibweise von „seito“, in der Bedeutung von „Schüler/Schülerin“, auf und findet sich auf gleicher Seite über zwei Spalten mit dreizehn anderen Schreibweisen und Wortbedeutungen der beiden Silben konfrontiert, wovon mindestens eine – nämlich jene Entsprechung für „(politische) Partei“ – dem (als solchem kenntlich gemachten) Grundwortschatz zuzurechnen wäre. Dass auch das Japanische die einst reichlich despektierliche Bezeichnung „Blaustrumpf“ kennt – in Lateinumschrift: seitō – wird einem, umblätternd, ebenso nahegebracht, wie der Hinweis auf die Frauenrechtlerin Hiratsuka Raichō und die von ihr mitinitiierte literarische Gruppe. Wollte man den Begriff KOLLATERALBONUS in die Welt setzen, Anregung hierfür fände sich beim Nachschlagen in dem Wälzer reichlich.
Als Folge der Katastrophe von Fukushima gewann „setsuden“ auch in Japan Relevanz. Und nicht zuletzt durch jüngste Ereignisse von weltpolitischen wie -ökonomischen Auswirkungen bleibt Strom, oder allgemeiner: Energie zu sparen eine zwingende Option.
Ein Begriff mit (ironischer) Doppelbedeutung wäre „sodai gomi“. Zum einen benennt er nichts anderes als Sperrmüll. Zum andern steht er scherzhaft für den „Ehemann in Rente“, der die häusliche Umgebung in neuer Funktion verziert.
Dass man es in Japan mit der Verbeugungselastizität auch übertreiben kann, belegt der Ausdruck „peko peko“, worunter eine allzu unterwürfige Variante, geradezu ein Katzbuckeln zu verstehen ist. So meint „peko peko suru“ folglich auch „kriechen“. Mit den Worten „onaka ga peko peko de aru“ gibt man jedoch salopp zu verstehen, dass man Kohldampf hat.

Wie hat man sich die Bewältigung einer Herausforderung, wie die nun so beeindruckend gelungene vorzustellen? Zunächst als Gemeinschaftsarbeit von transnational vernetzten Kapazitäten der Japanologie und anderer Fachwissensgebiete, denen die Ausdauer eignet, neben sonstiger, wohl nicht weniger fordernder Beschäftigung, über Jahre koordiniert und konzertiert der Sache treu zu bleiben. Was im Wissenschaftskosmos dieser Tage keine geringe Mühe darstellt, wo man sich allenthalben mit der Unwägbarkeit konfrontiert findet, Publikationen am Ende einer Leistungsvereinbarung doch nicht so auf den Weg zu bringen, wie es noch an ihrem Anfang festzustehen garantiert schien. Es ist daher nur recht und billig, dass auf einem der Vorsatzblätter des umfangreichen Bandes den Förderern und Gönnern dieses epochalen Kompendiums, namentlich auch der Förderin, für ihre Unterstützung gedankt wird. Dank ist freilich auch dem Verlag auszusprechen, der im Zeitalter der Digitalisierung ein Druckwerk verantwortet, dem eine Verbreitung über die einschlägigen Kreise hinaus zu gönnen ist. Es mögen die im Verlagsprospekt zitierten Worte der Schriftstellerin Tawada Yōko gar vielen zum Vademecum gereichen: „Dieses Wörterbuch ist nicht nur als Nachschlagewerk, sondern auch als Lektüre gut geeignet. Ich blättere in ihm und bekomme viele Inspirationen wie bei einem Spaziergang durch Berlin.“

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