Kaiser und Verwandtschaft



Buchtitel: Spannungen im japanischen Kaiserhaus. Prinzen als Oppositionelle in Krisen-, Kriegs- und Besatzungszeit 1930 – 1951
Autor: Gerhard Krebs
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2021
ISBN 978-3-86205-673-6

Es gab und gibt nicht nur den Tenno, soviel mag einleuchten. Will man jedoch all die Prinzlinge, Prätendenten und sonst wie relevanten Dynasten einer Epoche zusammenfassen, kann man als Uneingeweihter in Verwandtschaftsbeziehungen von Adelshäusern leicht die Übersicht verlieren. In unseren Landen mochte man sich zu anderen Zeiten einschlägiger Schematismen bedienen. Keine Ahnung, welcher Handhabe man sich in Japan vor Abschaffung des Adels (1945) befleißigte. Garantiert war darauf aber viel Mühsal verwendet worden, Einblick zu gewinnen. In der deutschsprachigen Japanologie sind gewiss wenige in dieser Materie so bewandert wie Gerhard Krebs. Das einschlägige Wissen des Kenners macht seine Studien für ein allgemeines Publikum dadurch aber nicht schwerfällig, ein Grundinteresse an dem Dargelegten freilich vorausgesetzt.
Geschichte wie Geschicke Japans im 20. Jahrhundert gelten, zumindest in groben Zügen, als bekannt. Weniges ist indes zur Positionierung des japanischen Kaiserhauses zum Zeitpunkt des Zweiten Weltkriegs in monographische Form geflossen. Diese Lücke scheint nun durch dieses Werk von Gerhard Krebs geschlossen. Es beleuchtet vornehmlich die Haltung des japanischen Kaisers und seiner engeren Verwandtschaft zu den Entwicklungen seiner Zeit und die Bilanz – man kann es so sagen – fällt durchaus durchwachsen aus. Wir stoßen auf hochtrabende Militärs, die den Überlegenheitsdünkel der „japanischen Rasse“ teilten und die Untaten einer Soldateska in Nanjing erst als Lappalien abtaten, um später, im Schatten der Kriegsverbrecherprozesse, davon nie etwas gewusst zu haben behaupteten. Es gab aber auch die frühzeitigen Warner vor der Überdehnung der militärischen Leistungsfähigkeit, die riskierten kaltgestellt zu werden und jene, die nach dem Ausbruch des Weltkrieges nichts dringender geboten sahen, als ihn ehest möglich wieder zu beenden, auch zum Preis der Kassierung bisheriger Gebietsgewinne. Und zwischen den widerstreitenden Ambitionen wand sich, so gewinnt man den Eindruck, der Tenno, der erst der Propaganda der militärischen Erfolge erlag, nicht zuletzt durch die Einflüsterer bei Hofe und später dem desaströsen Durchhaltediktat der Vertreter aller Waffengattungen, die spätestens nach Midway einander in Schuldzuschreibungen überboten, nicht die Stirn zu bieten wusste.
In unmittelbarer Nachkriegszeit blieb Japan das halbgare Schicksal der befreiten koreanischen Halbinsel erspart, als man dem koranischen Volk avisierte, es würde zu „gegebener Zeit“ seine Selbstbestimmung wiedererlangen. Wie erinnerlich, fiel der Ausbruch des Koreakrieges mit der Rückkehr Japans in die Gemeinschaft der „zivilisierten Völker“ in eins. Zuvor galt es aber, von Seiten der hauptlasttragenden Besatzungsmacht, die künftige Rolle des japanischen Kaisers festzulegen, ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen und das Kaiserhaus dennoch bestehen zu lassen oder – wie etwa die japanischen Kommunisten forderten – die Tradition ersatzlos abzuschaffen. Ob MacArthur bereits zum Zeitpunkt der Einstellung der Feindseligkeiten seine „Kaiserstrategie“ in petto hatte, scheint keineswegs so gewiss, wie er es später verklärte. Denn auch er erlag Einflüsterungen, hatte mit der Stimmungslage der US-amerikanischen Öffentlichkeit zu rechnen, die gewisse Bildungslücken erkennen ließ (etwa, wenn in einer Umfrage der Name des japanischen Kaisers mit Hara Kiri angegeben wurde) und dem Wandel der Zeitläufte (der Kalte Krieg schickte sich an die Koalition der weltanschaulich-antagonistischen Alliierten zu beerben).
Der Tenno verlor seine Göttlichkeit oder sollte man sagen, angesichts gewisser Edikte: er schwor ihr ab, „schrumpfte“ zum symbolischen Staatsoberhaupt und durfte sich „seinem“ Volk, Hut lüpfend, auf einer ausgedehnten Reise vorstellen. Die Amerikaner wussten es zu danken, dass die Besetzung der Hauptinseln durch das Ausbleiben von Aufständen oder gesteuerten Unbotmäßigkeiten keine Mission impossible für sie wurde, reduzierten ihre Besatzungskräfte und ließen überflüssige Furage der Hunger leidenden Bevölkerung zukommen. Tempi passati? Mitnichten. Nach William Faulkner gibt es eine Vergangenheit, die nicht tot und begraben, die in Wahrheit nicht einmal vergangen ist. Im hohen Alter schien Hirohito von Gewissensbissen geplagt und während nationalistisches Geschichtsklittern in Japan nicht passé ist – leider bei uns auch nicht – haben sich nachkommende Generationen einer Vergangenheit immer wieder neu zu stellen, die sie nicht zu verantworten haben. Es war schließlich an Akihito, der „sich bei dem Staatsbesuch des südkoreanischen Präsidenten Roh Tae Woo in Tokyo im Jahre 1990 als erster japanischer Kaiser in aller Öffentlichkeit bei dem koreanischen Volk für die 35jährige Kolonialisierung der Halbinsel durch Japan“(S. 288) entschuldigte.

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