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Buchtitel: Schnittstelle Japan. Kontakte, Konstruktionen, Transformationen
Herausgeberinnen: Ina Hein und Christine Ivanovic
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2020
ISBN 978-3-86205-533-3

Die gesammelten Beiträge dieses Buches gehen auf einen Veranstaltungsreigen des Institutes für Ostasienwissenschaften der Universität Wien zurück. Sie sind geeignet, nicht nur Fachwissenschaftlerinnen, sondern darüber hinaus ein breiteres Ensemble an Akteuren im Begegnungsraum zwischen den ausgewiesenen Kulturen anzusprechen. Die gute Lesbarkeit der Arbeiten unterstützt dieses Angebot, das gewiss den einen oder anderen weiterführenden Gedankengang in der Sache anzustoßen vermag.
Im ersten Essay setzt sich die in Deutschland lebende Schriftstellerin Tawada Yoko mit der eigenen Übertragung eines von ihr zunächst auf Japanisch publizierten Romans auseinander. Resümierend erscheint ein und dasselbe neu in der Zweitsprache zu denken und niederzuschreiben ein äußerst forderndes Unterfangen. Die Frage, was durch Übersetzung vom Gehalt des Originals auf der Strecke bleibt, lässt sich ebenso wenig pauschal beantworten wie jene, inwieweit durch Übersetzung nicht etwas anderes zustande kommt. [Man müsste ein Experiment anleiern, bei welchem ein literarischer Text aus einer Sprache übersetzt würde und dann rückübersetzt, schließlich wieder übersetzt und wieder usw., so lange, bis sich ein gänzlich anderer Sinngehalt manifestiert. (Unter Einsatz automationsunterstützer Übersetzungsprogramme wurde solches bereits unternommen, gehaltvoller erschiene mir aber ein diesbezügliches Hin und Her unter Einbindung profilierter Übersetzerinnen und Übersetzer.)]
In der zweiten Arbeit beschäftigt sich Saitō Yumiko mit Tawadas Übersetzung von Kafkas „Die Verwandlung“. Notabene ist Tawadas nicht die erste Übersetzung ins Japanische, aber eine, die die japanische Leserschaft näher an die Irritationen des Originals heranzuführen sucht. Dabei eröffnet sich dem deutschsprachigen Leser eine verblüffende Ausweitung der Deutungsmöglichkeiten.
Sebastian Polak-Rottmann setzt sich mit einer Erzählung des Nobelpreisträgers Ōe und einem Roman von Yamada Eimi auseinander, in denen er Stereotype über Afroamerikaner ausmacht. Dass die kenntlichen Ressentiments der literarischen Protagonisten (bei Ōe), respektive der Protagonistin (bei Yamada) nicht auf analoge Reserviertheit bei den Urhebern rückschließen lassen, versteht sich. Die Grenzen der Interpretation von Literatur, denen so manche Exegese Vollendung erst durch die Leserschaft attestiert, was selbstredend einen Widerspruch kaschiert – denn, wann wäre die Lektüre von Weltliteratur zu Ende gebracht – werden offenbar. Eine Herausforderung zumal bleibt bezeichnet: Kann es ein ideales Zusammenkommen von Menschen unterschiedlichen Kulturkreises überhaupt geben und ist nicht vielmehr das ganze Spektrum des Missverstehens Ausweis der unumgänglichen Dialektik der menschlichen Begegnung, die allenfalls zu „zivilisieren“, nie aber zu nivellieren wäre? Ansonsten dem Bemühen des Riesen Prokrustes aus griechischer Mythologie zugearbeitet würde: alle Menschen wären gleichgemacht, zu dem Preis, dass sie alle verkrüppelt wären.
Josefine Biedermann nimmt ausgewählte Arbeiten der japankoreanischen Schriftstellerinnen Aki Shimazaki und Yū Miri in den Blick, die die Problematik der zainichi aus weiblicher Perspektive reflektieren, die sich in unterschiedlichen Selbstbehauptungsstrategien ergehen.
Christoph Leitgeb arbeitet sich am Beispiel einer Erzählung von Abe Kōbō am Begriff des Unheimlichen und dessen Entsprechungen in den Übersetzungssprachen ab und stellt die Frage, inwieweit Mythologeme aus ihrem kulturspezifischen Kontext in einen anderen transferiert werden können, ohne sich ihres je eigenen Charakters verwandelt zu finden. Unter Umständen ist die Gefahr der Vereinnahmung durch „Exotisieren“ aber gar keine erhebliche, wenn man sich der Unmöglichkeit des Sich-nicht-anverwandelns eingedenk weiß. Schließlich vermag niemand zum Verständnis einer „fremden Welt“ einen Nullpunkt der Betrachtung zu beziehen.
Evgenia Karp zeigt anhand der Illustrationen, die Murakamis Schauergeschichte „Fushigi na toshokan“ in Ausgaben der Originalsprache und jene der Übersetzungen begleiten, inwieweit sie bestimmte Lesarten des Textes unter Umständen erst evozieren.
Eric Hanada beleuchtet Erfolgsvoraussetzungen japanischer Kulturprodukte in den „Fremdmärkten“ Nordamerika und Europa, wobei erhellt, dass Animes, die Japanspezifisches nicht allzu deutlich hervortreten lassen einer Rezeption in Nordamerika förderlicher sind, was einer gewissen Engstirnigkeit des Zielpublikums wohl zumindest implizit das Wort redet.
Christina Gmeinbauer widmet sich dem interessanten Phänomen der deutschsprachigen Mangaka, die eine eigenständige Weiterentwicklung oder Aneignung des Genres erkennen lassen.
Begleitet werden die akademischen von solchen Beiträgen, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller leisteten. Wie Lydia Mischkulnig oder Levy Hideo. Philippe Forest weist darauf hin, Fremdheit nicht bloß als Kategorie der Begegnung von Kulturen zu bewerten, sondern sie als die schlechthinnige Verfasstheit des Menschen überhaupt zu deuten. Oder, um es in den Worten eines Buchtitels von Julia Kristeva auszudrücken: Etrangers à nous-mêmes.

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