Eine Schauergeschichte



Buchtitel: Die unheimliche Bibliothek
Autor: Haruki Murakami. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Mit Illustrationen von Kat Menschik
Verlag, Erscheinungsjahr: Dumont, 2019 (Zweite Auflage)
ISBN 978-3-8321-6293-1

Der Werbespruch einer Wiener Schnittenfabrik läuft in der geläufigen Koda „mag man eben“ aus. Ähnlich verhält es sich zuweilen mit Autorinnen/Autoren: Mag man oder mag man nicht. Murakami hat eine Reihe eingängiger Schwarten vorgelegt (insofern von übertragenen Werken auf Originalausgaben rückzuschließen zulässig ist), sowie die eine oder andere, deren Gehalt sich manch einem nur mühsam eröffnet. Davon abgesehen wird er seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. [Etliche mosernder Zeitgenossen halten freilich genau das für keinen Ausweis von Qualität.]
Die vorliegende kurze ist eine Schauergeschichte. Da bringt ein Knabe vorbildlich vor Ablauf der Entlehnfrist seine Bücher zurück in die Bücherei und wird dafür von einem Gehirne auszuzelnden Griesgram im Verlies des Kellerlabyrinths festgesetzt, wo er auf einen Schafsmann und ein stummes, gedankenprojizierendes Mädchen trifft. Die Erzählung endet – darin Dürrenmatt’scher Dramaturgie folgend – als sie die für den Knaben schlimmstmögliche Wendung nimmt. (Spoiler: Nein, er wird nicht gefressen!)
Die Handlung ist vielleicht symbolisch überfrachtet – so könnte der knittrige Alte für die Bibliothek schlechthin stehen, die nicht nur gibt und offenbart, sondern auch fordert. Denn eine Bibliothek, die nicht stetig beschickt würde, würde rasch veralten; am wenigsten ist einem Wissensspeicher nämlich zu eigen, dass er veralte.
Ist man dem Schafsmann bereits in einem anderen Werk Murakamis begegnet? Der Rezensent ist sich nicht sicher.
Fest steht, dass Murakamis „Unheimliche Bibliothek“ in eine Literaturtradition sich reiht. Erwähnt seien nur Jorge Luis Borges und Umberto Eco. Aber auch bei Robert Musil finden sich subtile Auslassungen über eine Kathedrale des Wissens: die Österreichische Nationalbibliothek. (Der Ort, wo die Erkenntnisse apportiert werden, wie es in einem seiner Bonmots heißt, ist der Hort der Quellen allerdings nicht.)
Die Illustrationen, die den Text begleiten, bezeugen die Könnerschaft der Künstlerin, die auch schon anderes von Murakami graphisch begleitet hat.

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