Japanische Lebenskunst



Angeblich gibt es lediglich zwei Arten von Literatur, die sich größerer Verbreitung erfreuen als weiland das Telefonbuch: zum einen Krimis, zum andern Ratgeber. Letztere obwohl gar nicht ausgemacht ist, dass ihre Lektüre zwangsläufig mit der erfolgreichen Beherzigung des darin Dargelegten in eins fällt. Man liest also eine Anweisung wie man das Seinige auf die Reihe kriegt – meinetwegen irgendwas Schlaues von Marie Kondō – und bleibt trotzdem in seinem Lebensdurcheinander feststecken.
Ken Mogi, Neurowissenschaftler, macht uns hier mit der japanischen Lebenskunst vertraut, die sich hinter der Formel ikigai verbirgt, deren Gehalt – und das ist eine Gemeinsamkeit esoterischen Begriffszaubers – in wortwörtlicher Übertragung nicht erschöpfend wiedergegeben werden kann. Belassen wir es der Einfachheit halber – und findet sich in Einfachheit nicht kongenial die schillernde Komplexität des Mehrdeutigen komprimiert? – bei „Lebenssinn“ und schnaufen einmal kräftig durch. War da nicht was? Ach ja, als Gegeißelter der humanistischen Bildung erinnert man sich der ars vivendi der Altvorderen. Oder dass uns der Ex-Missionar Daniel Everett die Lebensart des glücklichsten Volkes der Welt vorgestellt hat. Wir sagen jetzt nicht: „Hat alles nichts genützt!“ sondern stecken unsere Nase ins ikigai-Buch.
Der Autor betont explizit, man muss kein Japaner sein (und braucht sich auch nicht zum „Japaner ehrenhalber“ auserkoren halluzinieren), um sein ganz spezielles ikigai zu leben. Dabei kommt es nicht darauf an, es krampfhaft zu suchen, sondern es zu entwickeln. Und man entwickelt, peu à peu, in kleinen Schritten, was man hat. Ein „kleiner Leut“, um Heinz Erhardt zu zitieren, fängt nun einmal klein an. Und das ist dann schon der erste Schritt sein ikigai zu pflegen. Also nichts mit Größenwahnsinn und der Springinsfeld-Manie der von Selbstoptimierung Getriebenen! Ergehe dich in Achtsamkeit und Bescheidenheit, solange dir dein Portemonnaie nichts Verfänglicheres zuraunt. (Zugegeben, das ist jetzt nicht Original-ikigai und so originell auch wieder nicht, die Empfehlung, sich nicht sinnlos zu verausgaben.)
Ken Mogi zeigt beispielgebend im Wirken eines Sushi-Kochs (okay, des Sushi-Kochs schlechthin), eines Keramikers, sowie eines Fischhändlers auf, dass ikigai eine besondere Form des Bei-sich-und-seinem-Tun-Seins ausprägt, die auf eine geradezu Zen-mäßige Konzentriertheit im Jetzt abstellt. Hieraus resultiert die unnachahmliche Qualität der Erzeugnisse, die unter diesen Voraussetzungen das Licht der Welt erblicken. Dabei geht es stets um die Sache selbst, nicht, sich in ihr zu verwirklichen. Das Absehen von sich soll natürlich nicht die Involvierung in eigenes Tun vergessen machen, was als eine Ursache von Unfällen feststeht, sondern Selbstüberhöhung unterlaufen. Ganz darin auf geht, wer in einen Flow gerät, in einen Flow bedachtsamer Selbstvergessenheit. Zugegeben, eine etwas fordernde Weise sein Glück zu finden, die zudem nicht darauf abzielen soll, im Gelingen Dank & Anerkennung zu heischen.
Das hat für unsereins ein wenig den Ruch der Selbstverleugnung. Das Sich-Einfinden in ein größeres Ganzes, schlicht: ein Maß an Anpassung, mag für ein gedeihliches Zusammenleben in einer Gesellschaft ja konstitutiv erscheinen. Den Japanern liegt das Gefühl für wa (Harmonie), gemäß Mogi, quasi im Blut. Japan als eine Nation der Nachhaltigkeit zu bezeichnen, kommt aber, angesichts gewisser Ereignisse und einer für Außenstehende enervierenden Fähigkeit des Nicht-Wahrnehmens, dann doch etwas dick aufgetragen daher.
Gegen Ende des Buches erhellt, dass nicht allen Japanern – und auffällig wenig wird hier den Japanerinnen Ehre getan – ihr ikigai zu leben leicht fällt, sie sich vielmehr damit ins Private verwiesen finden. Mogi benennt als einen Grund hierfür das gesellschaftliche Klima. Also doch nicht alles wa oder was?

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