Krieg auf Okinawa



Buchtitel: Okinawa. Die letzte Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Vorgeschichte, Verlauf und Folgen
Autor: Albrecht Rothacher
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2018
ISBN 978-3-86205-132-8

Wer eine der japanischen Kampfsportarten betreibt, sieht sich in der Befassung mit ihrem geschichtlichen Herkommen zuweilen auf Okinawa verwiesen, der Hauptinsel des Ryūkyū-Königtums, das es über Jahrhunderte verstanden hatte zwischen dem Reich der Mitte und jenem der aufgehenden Sonne eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren. Okinawa als einem der furchtbarsten Kriegsschauplätze gedenkt man gleich weniger häufig. Eingängiger rücken Berichte über die ungewöhnlich vielen Hundertjährigen ins Bild. Warum auch soll man sich als Nachgeborener mit Details von Schlachten auseinandersetzen, die die Nachkriegsordnung im Allgemeinen, das Friedenswerk der europäischen Einigung im Besonderen als das Bemühen um Überwindung der Folgen der vorangegangenen Verheerungen dastehen lässt? Ebenso wenig frei von Interessenkonflikten wie das Völkerringen zuvor, aber allemal zivilisierter und von (hoffentlich) humaneren Leitbildern getragen. Weil der Wirklichkeit eher gerecht würde, Krieg als ein großes, vermeintlich gut zu dirigierendes Morden zu erinnern; eine Einsicht, die die Streitkräfte der wiedererstandenen, demokratischen Staaten in eine völlig andere Verantwortung nimmt. Aus Theodor Lessings berühmten Diktum, wonach Sieger immer die Geschichte von Besiegten, Lebengebliebene die von Toten schreiben, erhellt auch, dass im Narrativ der Sieger den Kollateralschäden selten Erwähnung zuteilwird.
Albrecht Rothacher schildert minutiös den Waffengang auf Okinawa am Vorabend des Weltkriegsendes, also zu einem Zeitpunkt als in Europa bereits die Waffen schwiegen und die Überlebenden in einem schier unüberschaubaren Ausmaß an Zerstörung sich zurechtzufinden hatten. Den japanischen Generälen musste April/Mai 1945 längst klar gewesen sein, dass ein militärisches Patt gegen die US-amerikanischen Streitkräfte nicht mehr zu erzielen war, ganz abgesehen von noch günstigeren Ausgängen. Die Verlängerung des Kriegstreibens ist damit den USA und ihrer Maximalforderung einer bedingungslosen Kapitulation, schwerlich zur Hauptsache anzulasten. Die Erzwingung eines Verhandlungsfriedens, von Seiten Japans, um die sakrosankte Position des Tennōs auch über die Zeit nach dem Krieg nur ja außen vor zu lassen, nimmt sich zwar genauso illusionär aus, aber angesichts dessen, was die USA dann im Rahmen der Kapitulationsunterzeichnung zuzugestehen bereit waren, schon weniger. Bekanntlich büßte der japanische Kaiser seine göttliche Abkunft ein, blieb als symbolisches Staatsoberhaupt aber unangetastet. Vor dem Hintergrund des De-facto-Kriegsendes in Ostasien musste sich jede militärische Maßnahme, die eine zeitliche Verzögerung des Absehbaren zur Folge hatte, mithin jede taktische oder strategische Fehlkalkulation, verheerend für die kämpfenden Truppen und, nicht weniger, für die Zivilbevölkerung auswirken. Tatsächlich wurden sämtliche Kulturgüter Okinawas ausradiert (einschließlich der Gräber), der autochthonen Völkerschaft in zahllosen Gewalttaten, die unumwunden als Kriegsverbrechen zu bezeichnen sind, ein ungeheurer Blutzoll abverlangt.
Rothacher schildert einen amerikanischen Oberbefehlshaber (Buckner), dessen Ehrgeiz sich durch die Folgen seiner Fehlentscheidungen (die Marines und Infanteristen das Leben kostete) keineswegs gebremst sah, japanische Konterparts (Ushijima, Cho), die im Bushido-Wahn ihren Abgang inszenierten, den Soldaten unter ihrer Fuchtel jedoch ein Verrecken in Phosphor- und Napalm-Bränden auferlegten.
Das Kriegsende brachte den Menschen auf Okinawa, so wie jenen der koreanischen Halbinsel, keine Freiheit, vielmehr die Beschlagnahme eines Großteils des verfügbaren Ackerlandes zur Errichtung militärischer Stützpunkte. Den dornenreichen Weg zurück unter die Hoheit der Hauptinseln, die Probleme durch die anhaltende US-amerikanische Militärpräsenz, unter denen die Umweltvergiftung durch Kriegsmaterialien nicht das geringste darstellt, sowie das Ringen um eine Profilierung innerhalb der Präfekturen Japans, zeichnet der Autor in einem Schlusskapitel nach.
Die Herausforderung, die den Nachgeborenen aufgegeben bleibt, ist es, das Leiden der Menschen im Krieg nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Ob wir, in glücklichen Landen wie Österreich und Deutschland, dieser Aufgabe besser gerecht werden als man es in Japan wird, will nach der Lektüre dieses Buches nicht leichtfertig entschieden sein.

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