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Bedenkliche Äußerungen

Die fragwürdige Kunst des Fettnapftretens scheint Politikern auf der ganzen Welt eigen zu sein. Die Serie von Pannen, die sich in jüngster Zeit japanische Spitzenpolitiker geleistet haben, scheint allerdings rekordverdächtig. Der japanische Gesundheitsminister Yanagisawa Hakuo brachte vor einigen Wochen in die Debatte um die sinkende Geburtenrate und die dramatische Überalterung der Gesellschaft ein völlig überkommenes Frauenbild ein. Für seine Bezeichnung von Frauen als Gebärmaschinen erntete er einen Sturm der Entrüstung, weibliche Abgeordnete der Opposition forderten umgehend seinen Rücktritt und sogar Premier Abe ließ an die Adresse seines Ministers ausrichten, sich hinkünftig doch eines taktvolleren Ausdrucks befleißigen zu wollen.

Der kalifornische Kongress-Abgeordnete Mike Honda, Nachfahre japanischer Immigranten, brachte Ende Jänner eine Resolution in einen Ausschuss des US-Repräsentantenhauses ein, der die japanische Regierung auffordert, sich der Verantwortung für das Schicksal der euphemistisch so genannten Trostfrauen während der Zeit des Zweiten Weltkriegs ohne weitere Ausflüchte zu stellen. Eine Reaktion von Außenminister Aso ließ nicht lange auf sich warten. Umgehend wies er das Papier als unangemessen und grundlos zurück. Aso, der sich auch als Nachfolgekandidat Koizumis kurzzeitig positioniert hatte, ist berüchtigt für seine Sicht der Dinge, die ganz und gar keine glorreichen sind.
Die Fernsehanstalt NHK verlor einen Prozess gegen eine nicht-staatliche Organisation, die in ihrem Auftrag eine Dokumentation über die „Trostfrauen“ anfertigte, die jedoch vor ihrer Ausstrahlung in wesentlichen Passagen sinnentwertend zensuriert wurde. NHK hatte sich dabei auf nicht näher festzumachende „Empfehlungen“ der hohen Politik berufen.
Stellvertretend für viele Leidensgenossinnen berichtete die 81jährige Kim Koon-ja während ihres USA-Aufenthaltes an zahlreichen Orten von der Tragödie ihres Lebens.

Erziehungsminister Ibuki Bunmei hat während einer Rede bei einem Treffen der Liberaldemokratischen Partei einmal mehr den Humbug von der extrem homogenen Gemeinschaft der Japaner zum Besten gegeben. Seine Invektive, dass eine zu starke Betonung der Menschenrechte der japanischen Gesellschaft derart schaden würde wie eine durch einseitige Ernährung bewirkte Krankheit, setzt dem aber noch ein Krönlein auf. Die Überlebenden der Atombombenabwürfe, die sich über Jahrzehnte einem Spießrutenlauf unterziehen müssen, um verbriefte Rechte in Anspruch nehmen zu können, den tausenden Obdachlosen, denen man Bleiberechte in öffentlichen Einrichtungen streitig macht, die Nachkommen der Burakumin, die Koreaner, die seit Generationen in Japan heimisch sind und nicht zuletzt die Angehörigen der Ainu werden es ihm zu danken wissen.
Kein Wunder, dass der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte Doudou Diène, sich über Ibukis Äußerungen entsetzt zeigte. Nicht weniger wie über Premier Abes Versuch, seinem Minister in der angesprochenen Sache den Rücken zu stärken.

In einem Gastbeitrag für die Asahi Shimbun trat der japanische Soziologe Miyajima Takashi unlängst dafür ein, den Begriff der japanischen Gesellschaft weiter zu fassen. Vor allem um Reimmigranten (aus den südamerikanischen Staaten) und Menschen aus asiatischen Ländern, die seit längerem in Japan leben als vollwertige Bürger zu integrieren. Sein Verständnis der Erweiterung der japanischen Gesellschaft sähe dann Japaner chinesischer, koreanischer oder philippinischer Abstammung vor. Angesichts der drohenden Überalterung, wären Überlegungen in diese Richtung alternativlos.

Quellen (nach den Online-Ausgaben):

Nakata Hiroko, Ito Masami: Child-bearing machines’ inappropriate. Yanagisawa sexist remark draws Abe ire. The Japan Times, 30.01.2007
Editorial: ‚Birth-giving machines’. The Asahi Shimbun, 01.02.2007
Park Song-wu: US Congress calls for Japan to apologize for comfort women. The Korea Times, 02.02.2007
U.S. bipartisan group submits resolution on ‚comfort women‘ (The Japan Times, 02.02.2007)
Field, Norma: The Courts, Japan’s „military comfort women”, and the conscience of humanity: the ruling in VAWW-Net Japan v. NHK. Japan Focus, 10.2.2007
Han Jane: Comfort woman to testify about life of horror before Congress. The Korea Times, 12.02.2007
Miyajima Takashi: Time to broaden the definition of ‘Japanese’. The Asahi Shimbun, 20.02.2007
Aso: U.S. resolution on sex slaves groundless. The Japan Times, 20.02.2007
Ito Masami: Recognize us and apologize, ex-wartime sex slave tells Tokyo. The Japan Times, 22.02.2007
Ibuki: Japan ‚extremly homogenous’. The Japan Times, 26.02.2007
Johnston, Eric: U.N. special rapporteur challenges Ibuki’s ‘homogenous’ claim. The Japan Times, 28.02.2007
Beating the Yamato drum. The Japan Times, 01.03.2007

Homepage des Kongressabgeordenten Honda:
http://honda.house.gov

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