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Nō-Masken



Buchtitel: Studien zur Geschichte der Nō-Masken. Ihre Frühformen in Tempeln und Schreinen Japans
Autor: Gotō Hajime. Übersetzt und erläutert von Günter Zobel, Shizuo Ogino, Yoshiyuki Muroi
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2011
ISBN 978-3-86205-017-8

Edmund de Waals Familiengeschichte „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ ist es zu danken, dass Netsuke als begehrte Sammelobjekte in ein breiteres Bewusstsein rücken. Manche dieser bisweilen überaus zierlichen Gegenstände können auf einschlägigen Auktionen durchaus beeindruckende Erlöse erzielen. In welcher Weise Nō-Masken außerhalb öffentlicher Einrichtungen auch das Interesse privater Sammler finden, ist mir nicht bekannt. Angesichts der Schönheit der Masken wäre es so unausdenkbar freilich nicht. Und wo Schönheit und Seltenheit miteinander korrelieren, darf man sich den Wert als einen hohen deuten. Fraglos bilden aber die zahlreichen Masken in der Verwahrung von Schreinen und Tempeln ein unveräußerliches Inventar des japanischen Nationalschatzes.
Gotō Hajime, 2010 verstorben, war eine, wenn nicht die Kapazität unter Japans Maskenforschern. Wobei man sich den Diskurs, wie aus dem Nachwort zu diesen erstmals in deutscher Übersetzung vorgelegten Studien erhellt, durchaus als lebhaften vorstellen darf. Etwa was die Abkunft gewisser Maskenformen des Mittelalters anbelangt, denen Gotō einen autochthonen japanischen Charakter zumaß, während andere Gelehrte – erwähnt wird Nakamura Yasuo – in ihnen eine Übernahme ursprünglich koreanischer wie chinesischer Schöpfungen zu erkennen glaubt.
Im Fokus der Betrachtungen stehen Masken im Besitz von Tempeln und Schreinen, die sich allesamt, mit Ausnahme jener am Schrein von Asakusa in Tokio, mehr oder weniger in der japanischen Provinz, beschränkt auf Honshū, befinden. Es handelt sich zumeist um Masken, die mit Vorformen des Nō und verwandter Darstellungskünste zu tun haben, als Votivgaben zu deuten sind oder im Rahmen von bestimmten Schreinfesten Verwendung fanden. Zu denken ist etwa an Shinto-Tänze während Erntefeiern oder Bittzeremonien um Regen und Wasser. Gotō ist bei seinen Erklärungs- und Altersvorschlägen sehr vorsichtig und scheint den Regeln der Deduktion verpflichtet. Ist eine Maske datiert, muss dieses Datum nicht zwingend mit ihrer Entstehungszeit in eins fallen. Einige Frauenmasken mit ihren markanten Proportionen, dem Verhältnis der Stirn zum übrigen Gesichtsfeld, legen anhand ihrer Stirnhöhe, die geringer ausfällt als bei Nō-Masken, ein höheres Alter als jene nahe (vgl. S. 42 u. 74f.). Ob manche der frühen Frauenmasken ein Schönheitsideal einer bestimmten Zeit spiegeln, ist nach Gotō schwieriger zu entscheiden als den Zeitpunkt festzulegen, ab wann von einer endgültigen Ausformung der Nō-Frauenmasken gesprochen werden kann, (vgl. S. 40).
Manchen der beschriebenen und abgebildeten Masken – sämtliche in Holz gearbeitet – eignet ein faszinierender Realismus. Etwa der sogenannten Jō-Maske im Tempel Rinnōji zu Nikko (S. 72 f.), die das Gesicht eines Alten mit sichelförmig verkniffenen Augen wiedergibt. Der leicht geöffnete, etwas asymmetrisch verzerrte Mund, der hier als lächelnd erklärt wird, mir allerdings eine zarte Geste des Verächtlichen oder Höhnischen zu bezeugen scheint, bleckt gar eine Reihe durch Abnutzung ramponierter Schneidezähne.
Als kleiner Wermutstropfen an diesem ausgezeichneten Werk mag Kundigeren als mir die Tatsache ankommen, dass alle Bildwiedergaben im Text schwarzweiß erfolgen. Dieser Umstand vermag den Gesamteindruck natürlich nicht zu verfälschen. Die Frauenmaske (Abb. 19) auf Seite 95 zeigt auf diese Weise ein geradezu alarmierendes Konterfei. [Was man als Spuren einer Hautkrankheit interpretieren könnte, verweist freilich auf den Zusammenhang ihrer Verwendung, die im erklärenden Text erhellt.] Erstaunlich jedenfalls die, man möchte sagen: unjapanische, große Nase, die der Stimmigkeit jedoch keinen Abbruch tut. Vergleicht man die Frauenmaske (Abb. 37) von Seite 129 mit der farblichen Wiedergabe auf dem Umschlag, mag man ermessen wie farbliche Nuancierungen die „Lebendigkeit“ einer Maske noch zusätzlich betonen.
Ein schönes und wertvolles Buch!

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