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Japan im Kalten Krieg

Buchtitel: Geht Japan nach links?
Autorin: Ingeborg Y. Wendt
Verlag, Erscheinungsjahr: Rowohlt, 1964
[Das Buch ist nur noch im antiquarischen Buchhandel zu beziehen!]

Bevor man es für einen Scherz hält: Ich habe das Buch erst kürzlich tatsächlich und sogar mit großem Gewinn gelesen! In die Hand gegeben hatte es mir zuvor mein Passauer Antiquar Henke, als ich einen Posten Bavarica erwarb.
Natürlich ist der (vermeintliche) Gegenstand des Buches nicht gerade topaktuell. Die Weltlage hat sich seit 1964, was sich wohl dem Verbohrtesten erschließt, gravierend verändert. Aber die grundsätzliche Ambition der Autorin, das Verständnis für Japan und den ostasiatischen Raum in seiner Eigenart zu wecken, ist von ungebrochener, zwischenzeitlich vielleicht sogar noch von deutlich gewachsener Wichtigkeit.
Wendt, eine approbierte Psychologin, hatte sich immer wieder und in Summe über mehrere Jahre in Japan aufgehalten. Sie vermochte sich problemlos auf Japanisch zu unterhalten und hatte keinerlei Schwierigkeiten es auch zu lesen. In den 1950er und 1960er Jahren ist das für Menschen aus Europa oder den USA, die sich vorgeblich für Japan interessierten und sich im Lande aufhielten keine Selbstverständlichkeit gewesen! Die Autorin weist immer wieder darauf hin, dass Missverständnisse, die zwischen Japan und der “westlichen Welt” entstehen, gerade auf fehlenden Sprachkenntnissen und mangelndem Einfühlungsvermögen der “Westmenschen” beruhen. In den 1960er Jahren sprachen die wenigsten Korrespondenten westeuropäischer Zeitungen, die aus Japan über Japan berichteten, Japanisch! Während es für japanische Korrespondenten im Ausland längst selbstverständlich war die jeweilige Landessprache zu beherrschen. (“Der moderne asiatische Intellektuelle ist dem modernen abendländischen Intellektuellen bereits überlegen, weil er beide Welten kennt.” S. 149)
1964. Wir befinden uns im Zeitalter des Kalten Krieges. Was diese Ära an Verheerungen hinterlassen hat, kann man sich noch heute gar nicht richtig ausmalen. Dagegen nimmt sich die ungeheure Opferbilanz des Zweiten Weltkriegs noch gering aus. Viel Stoff für Historiker und Historikerinnen kommender Generationen, die Politik der Machtblöcke und ihre Ambitionen zu bilanzieren. Dass man damals nicht nur in den manichäistischen Kategorien Freund-Feind, gut-böse, links-rechts und schon gar nicht in Japan dachte, belegt dieses Buch auf eindringliche Weise. Damit hat es auch einen dokumentarischen Wert.
Die außenpolitische Situation Japans war besonders delikat. Zum einen durch die Friedenssituation nach dem Zweiten Weltkrieg in gewisser Weise an die USA gebunden, war es den führenden Köpfen des Landes andererseits, und verständlicherweise, darum zu tun, eigenständig die eigene Entwicklung zu steuern. Damit sah sich dann die japanische Regierung, sowohl nach außen als auch nach innen, mit dem Vorwurf konfrontiert entweder zu weit rechts oder viel zu links zu agieren. Der Spagat, es den Amerikanern und westeuropäischen Mächten gleichermaßen recht zu machen und dabei die legitimen eigenen Interessen nicht zu vernachlässigen, wollte nicht immer gelingen. Den Handel mit der Volksrepublik China auszudehnen, brachte der Regierung unter Premier Ikeda die Schelte der Amerikaner ein. Die ihrerseits den japanischen Baumwollexport in die USA drastisch zu senken verlangten. (In 1960er Jahren war die Baumwoll-Textilindustrie eine der größten japanischen Industriezweige.) Die Normalisierungsgespräche mit dem Süden des geteilten Korea kamen vor allem auf Druck der USA zustande und verliefen sich zunächst wieder aufgrund der instabilen politischen Situation Südkoreas. Die japanische Linke Japans lehnte die Verhandlungen damals deswegen ab, weil das südkoreanische Regime mitnichten das südkoreanische Volk repräsentiere, und nicht aus nationalem Chauvinismus.
Anhand der verschiedenen Machtgruppierungen innerhalb der LDP (die beinahe immerwährende Regierungspartei), die man heute im sozialwissenschaftlichen Jargon als Faktionen bezeichnet, erklärt die Autorin die Komplexität politischer Meinungsbildung in Japan, die in Wahrheit gar nicht korrupter als in den westeuropäischen Demokratien ablaufe. Die Spitze auf einen damaligen deutschen Verteidigungsminister, der über die so genannte Spiegel-Affäre stolperte, mit Paukenschlag seine bundespolitische Karriere beendete, um nahtlos seine landespolitische Karriere (in Bayern) zu starten, erlaubt der Autorin den Hinweis, in Japan wäre eine derartige Karriere de facto unmöglich.
An zeitgeschichtlichen Hinweisen ist das schmale Buch überreich. Lange Jahre war Japans Export nach Westeuropa durch einen GATT-Artikel 35 eingeschränkt, der schnelle wirtschaftliche Aufschwung war in einem erheblichen Maße den Klein- und Mittelbetrieben geschuldet und das Lohnniveau lag in den 1960er Jahren deutlich unter dem Westeuropas. Selbst Universitätsprofessoren konnten sich mit ihrem Einkommen gerade einmal so durchwurschteln.
Abschließende, weitsichtige Worte seien der Autorin überlassen:
“Die asiatischen Länder und Völker möchten weder zum einen noch zum andern Lager des Kalten Krieges gehören, sie möchten nicht einmal eine ‚dritte Gruppe’ von ‚Neutralen’ bilden – sie werden nur durch die linke und rechte Weltpolitik des Kalten Krieges im Augenblick dazu gezwungen; sondern sie möchten sie selbst sein.”(S. 87)
“Wir müssen dringend den ostasiatischen Geist selbst kennen lernen, um die Formen verstehen zu können, die er auch in der Gegenwart produziert und in der Zukunft produzieren wird.” (S. 133)

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