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Entwurf einer ostasiatischen Gemeinschaft



Buchtitel: Was kann Japan tun? Vorschläge für eine Ostasiatische Gemeinschaft
Autor: Morishima Michio [aus dem Japanischen von Birgit Quitterer]
Verlag, Erscheinungsjahr: Iudicium, 2005
ISBN 3-89129-890-0

Vor Jahren wurde eine leidlich blümerante Debatte über asiatische Werte losgetreten [ausgehend von Singapur]. Eine Diskussion über so Ominöses verliert sich genauso fruchtlos, wie wenn man in Europa die christlichen Werte akzentuiert haben will [und vielleicht gar noch in einer Europäischen Verfassung!]. Was die christlichen Werte anlangt, so haben diese viele Jahrhunderte lang die Völker Europas keineswegs davon abhalten können, sich wechselseitig abzuschlachten wie Vieh. Morishima Michio (1923 – 2004), Nationalökonom mit Lehrauftrag unter anderem an der London School of Economics, beschwört hier keinen Idealismus, sondern entwickelt konkrete politische Pläne für ein Zusammengehen in der Region Ostasien. Er tut dies im Rahmen von vier Vorlesungen, die er 1997 an der Nankai-Universität (Tianjin, Volksrepublik China) vor Studenten gehalten hat. Im Vorwort beschreibt er, wie er gemeinsam mit seiner Gattin nach 54 Jahren wieder erstmals chinesischen Boden betritt und sich bemüht, in Peking das Haus seiner Kindheit wieder zu finden. Wie Japaner unter Einsatz der sinojapanischen Lesart der Kanji versuchen mit Chinesen eine zielgerichtete Konversation zu führen, liest sich ganz amüsant.

In der ersten Vorlesung werden die ehemals feindlichen Beziehungen Japans zu seinen Nachbarn in einer Offenheit und Schonungslosigkeit zur Sprache gebracht, dass schon darum der japanischen Ausgabe dieses Buches die größtmögliche Verbreitung zu wünschen wäre. [Tatsächlich haben vom Autor angestoßene Debatten bereits früher in Japan kaum eine entsprechende Resonanz gefunden, wie er selbst bekundet. (vgl.: S. 152)] Über die gemeinsame Vergangenheit Bescheid zu wissen, auch oder gerade über die weniger lichtvollen Momente, ist die unhintergehbare Voraussetzung für eine Kooperation auf gleicher Augenhöhe, bedeutet Morishima und weiß sich damit in der Tradition des amerikanischen Geschichtsphilosophen Georges Santayana, ohne ihn zu zitieren.

Die zweite Vorlesung beschäftigt sich mit der Transformation des Staates, unter besonderer Berücksichtigung der japanischen Entwicklung seit der Tokugawa-Zeit. Dass der Nationalstaat kein Endpunkt in einer Abfolge von Verwandlungsprozessen darstellt, bildet für Morishima die Ausgangslage, von der er im Rahmen einer dritten Vorlesung seine Vorstellung einer Ostasiatischen Gemeinschaft (EAC) entwirft, die die Staaten China, Japan, Süd- und Nordkorea, sowie Taiwan umfassen soll. Verwaltungszentrum dieser Gemeinschaft könnte, seiner Darstellung entsprechend, ein von Japan in die Unabhängigkeit entlassenes Okinawa werden. [Bekanntlich verstand sich der RyÅ«kyÅ«-Archipel lange Zeit als etwas Eigenständiges, oder als Bindeglied zwischen China und Japan. Und Diskussionen darüber, ob die Bewohner Okinawas nun als waschechte Japaner anzuerkennen wären oder nicht, wurden in gewissen Kreisen noch in den 1970er Jahren geführt.] Die EAC würde nicht als Marktgemeinschaft, sondern als Aufbau- bzw. Entwicklungsgemeinschaft starten. Als das tauglichste Verkehrsmittel zur Erschließung des Hinterlandes betrachtet er das weltbeste, und folglich japanische, Eisenbahnwesen, vor allem das hoch exportfähige System des Shinkansen. Nicht auszuschließen sei, dass die EAC auch eine politische Integration ähnlich der EU realisierte. Die gesellschaftspolitischen Unterschiede zwischen China und Japan erachtet Morishima für geringer als gemeinhin dargestellt. “Ich behaupte, es gibt weder in China noch in Japan eine Oppositionspartei.”(S. 136) Seine Beschreibung der politischen Gegenwartverhältnisse ist erfüllt von erfrischendem Sarkasmus. Japan fehle es vor allem an innovativer Politik. Die Hegemonien der Faktionen innerhalb einer politischen Gruppierung würden das politische Leben in Japan nachhaltiger lähmen, als in China die kommunistische Einparteienherrschaft. Angesichts der Tatsache wie sich in China Möglichkeiten auftäten und Japan Gefahr liefe sich Möglichkeiten zu verbauen, ist die Etablierung einer ostasiatischen Gemeinschaft, die keinem Chauvinismus wie in der Vergangenheit verpflichtet ist, eine Option der Zukunftssicherung, vor allem auch für Japan.

In der letzten Vorlesung werden noch einmal die Möglichkeiten einer solchen Gemeinschaft abgesteckt.

Aus Morishima spricht der Citoyen, der die Erfahrung seiner Weltläufigkeit nicht zuletzt auch seinen Landsleuten nahe bringen möchte. Schade nur, dass er seine Ideen nicht mit Entwürfen oder Vorschlägen ähnlichen Gehalts von Zeitgenossen Chinas oder Koreas abstimmt. So ist bekanntlich Südkoreas ehemaliger Präsident Kim Dae-jung von einer wirtschaftlichen und politischen Integration nach Vorbild der Europäischen Union angetan [wohl wissend, dass die Dinge nicht eins zu eins übertragbar sind]. Wie die Anregungen Morishimas aufgenommen wurden, erhellt leider nicht. Da vermisst man ein Nachwort oder den Hinweis auf entsprechende Untersuchungen.

Für Menschen, die an den politischen Entwicklungen in Ostasien Anteil nehmen, ein sehr anregendes Buch.

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